Social Freezing = soziale Kälte

Whoa, das war mal eine Meldung. Facebook und Apple wollen beide ab sofort Mitarbeiterinnen das Einfrieren der Eizellen bezahlen, wenn bei diesen die biologische Uhr und die Karriere in Konflikt geraten. Dann Kinder halt nicht jetzt, sondern später.

Für (vor allem männliche) Leser, die in der Schule nicht so ganz aufgepasst haben: Während die männlichen Spermien kontinuierlich nachproduziert werden und folglich eine Zeugung auch in hohem Altern noch (theoretisch) möglich ist, haben Frauen einen begrenzten Vorrat an Eizellen, von denen jeden Monat eine „verbraucht“ wird. Ist dieser Vorrat zu Ende, ist keine Schwangerschaft mehr möglich.

Während viele andere Nebeneffekte durch moderne medizinische Methoden ganz gut abzufangen sind, kann das Ende der Fruchtbarkeit nur dadurch abgefangen werden, in dem im vorraus einige Eizellen entnommen und eingefroren werden, damit man später mit Hilfe künstlicher Befruchtung dann eben doch noch eine Schwangerschaft herbeigeführt werden kann, auch wenn eigentlich bereits keine Eizellen mehr verfügbar wären. Diese Methode ist sehr teuer, und Apple und Facebook bieten jetzt die Kostenübernahme für diese Methode an, wenn Frauen wegen der Karriere das Kinderbekommen noch aufschieben wollen.

Dazu hagelt es jetzt Kritik, zum Beispiel auf Spiegel Online im Kommentar „Social Freezing: Warum ich den Eizellen-Plan von Apple und Facebook pervers finde“ und ich neige dazu, der Kritik zuzustimmen.

Denn vor allem zeigt dieses Angebot, dass wir in unserer Gesellschaft zunehmend „Arbeit über alles“ stellen. Nicht nur unter dem Familienaspekt – dazu schreiben andere genug – sondern unter vielen anderen Aspekten.

Wir sollen 24h am Tag erreichbar sein, und bitte auch im Urlaub – auch wenn bekannt ist, dass das schädlich ist. Bildung? Wird immer mehr an den Interessen der Industrie ausgerichtet, die jungen Menschen sollen so schnell als möglich „berufsbefähigt“ werden. Der Wert einer umfassenden Bildung als solcher wird nicht mehr geschätzt, Universität nicht mehr als Ort von Bildung, einer Vermengung von Wissenschaft und Lehre gesehen, sondern nur mehr als „Hochschule“. Und wenn unsere körperlichen Zyklen nicht ins Schema passen? Dann muss das eben medizinisch „optimiert“ werden.

Die Risiken, die dadurch erwachsen, werden weitestgehend ausgeblendet. Im konkreten Fall die gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind, die mit einer späten Schwangerschaft einhergehen ebenso, wie die sozialen Risiken für das Kind, wenn es entsprechend „alte“ Eltern hat.

Ich weiß sicher keine Lösung für das Problem an sich. Sind mehr Teilzeitarbeitsplätze eine Lösung, wie in dem oben verlinkten Kommentar angedeutet? Das bedeutet aber immer mindestens Gehaltseinbußen. Oder Kinderbetreuung? Aber wollen Eltern denn ihre Kinder wirklich nur erzeugen und dann die Erziehung anderen überlassen? Oder ist da nicht eigentlich eine tiefe emotionale Bindung, die bedeutet, dass Eltern sich auch mit ihren Kindern befassen wollen? Und was ist mit all jenen Arbeitsplätzen, die es vielleicht bald nicht mehr gibt, weil Computer die Jobs übernehmen? Werden diese Leute dann auch „wegoptimiert“?

Wie viel soziale Kälte verträgt unsere Welt, unsere Gesellschaft? Wie weit können wir uns dem Diktat von „wirtschaftsoptimiert“ und „Wachstum“ noch unterwerfen?

Vieles wird noch über Jahre so weitergehen können, bevor es kritisch wird.

Aber wir sollten jetzt anfangen, darüber nachzudenken, wie Gesellschaft in Zukunft funktionieren soll. Damit wir rechtzeitig reagieren können.

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