Die falsche Quote kommt

Es ist soweit, die Quote für börsennotierte Unternehmen kommt. 30% Frauenanteil sollen es künftig sein, in den Aufsichtsräten. Findet sich keine geeignete Frau, bleibt die Stelle offen, bis sich eine geeignete Kandidatin gefunden hat.

Wenn ich in die Chefetage der Firma schaue, bei der ich derzeit arbeite, erscheint das eine gute Idee: Wir haben einen Frauenanteil in der Belegschaft von ca. 80%, in der Geschäftsführung von bisher 0%. Da stimmt was nicht, da geb ich vielen Recht. Insbesondere, weil es in der „zweiten Reihe“ ebenfalls ca. 80% Frauenanteil hat.

Nun, unser Unternehmen ist klein und fällt nicht unter die Quotenregelung, aber es zeigt ein spannendes Thema auf: Das Missverhältnis ergibt sich aus den 80% einerseits und den 0% andererseits. Selbst wenn wir 30% Frauenquote in der Geschäftsleitung hätten, wäre das immer noch irgendwie ungerecht.

Und deshalb finde ich die geplaten feste Quote nicht richtig: Wenn in einer ganzen Branche (nicht mal in einem speziellen Unternehmen) der Frauenanteil deutlich unter 30% liegt (teilweise liegen in manchen Branchen die realen Anteile eher bei 3%), dann dürfte es verdammt schwer werden, genügend ausreichend qualifizierte Frauen zu finden, um die Quote zu erfüllen. Und wenn man sie findet, sind die Frauen in den Führungsetagen dieser Branchen anschließend merklich überrepräsentiert.

Sicher kann man darüber streiten, warum der Frauenanteil in manchen Branchen generell so gering ist. Und generell ist es berechtigt zu fragen, ob das so in Ordnung ist und wenn nein, wie man das verbessern kann. Da bin ich dabei (solange man hier nur Hindernisse für Frauen abbaut und nicht Hindernisse für qualifizierte Männer aufbaut).

Aber eine gesetzliche Quote sollte sich immer auch am realistisch machbaren orientieren. Und das bedeutet, die Quote in den Aufsichtsräten sollte meiner Meinung nach sich am Geschlechteranteil in den Branchen orientieren. Gerne auch ein wenig drüber, wenn man die Branchenkultur über die Aufsichtsräte verändern will.

Eine Formel könnte dann sein:

(Geschlechteranteil geringer vertretenes Geschlecht in Branche)
+
(5 Prozentpunkte, solange die Summe < 30% ist)
=
(geforderte Quote des geringer vertretenen Geschlechts in den Aufsichtsräten)
<
40%

Das Resultat? Nehmen wir an, wir haben eine Branche mit 3% Frauenanteil. Die geforderte Quote wäre dann
3%+5%=8%

Das wäre in dieser Beispielbranche immer noch eine Herausforderung zu erfüllen (die Aufsichtsratsquote entspräche mehr als dem doppelten des gesamten Branchenanteils!), aber durchaus realistisch machbar.

Die Branchenquoten wären dann alle drei Jahre (= eine Lehrlingsgeneration in den meisten Branchen) nachzuberechnen, um immer auf aktuellen Zahlen zu basieren.

Noch drei Beispiele:
Anteil+Förderung=Quote
27%+3%=30%
35%+0%=35%
48%=40%

Was bedeuten diese Beispiele? Im ersten wird nur mehr auf 30% aufgefüllt, weil das die Grenze der Förderung ist. Ab 30% Branchenanteil, soll das in der Branche geringer vertretene Geschlecht einfach mindestens entsprechend seinem Anteil in der Branche in der Führung vertreten sein, das ist das zweite Beispiel. Wird der Anteil noch höher, bleibt die Förderquote bei 40% stehen, denn ab dann sollte es wieder primär um Qualifikation gehen. Mit einer solchen Regelung könnte man die Quote auch über die großen Unternehmen hinaus ausdehnen.

Eine Frage aber bleibt offen, bei allen Ideen zur Quote: Wollen überhaupt so viele Frauen in die obersten Machtzirkel? Ich höre nämlich immer wieder von Frauen, denen Aufstiegsmöglichkeiten angeboten werden „ach ne, lieber nicht, das ist mir zu [stressig/heiß/schnell/…]“. Und das löst keine Quote, die hilft „nur“ den Frauen, die an die Macht wollen. Es drängt sich aber oft genug der Eindruck auf, dass das nur ein kleiner Teil der berufstätigen Frauen ist (wobei ich nicht bestreite, dass ich hier nur auf Aussagen meiner unmittelbaren Umgebung zurückgreifen kann bzw. auf Aussagen im Rahmen von Vorträgen, nicht auf belastbare Aussagen). Und wenn dieser Eindruck korrekt ist, dann sollte man zunächst nach den Ursachen forschen, und dann gezielt diese angehen.

Quoten behandeln immer nur das Symptom, nicht die Ursache. Und diese starre Quote könnte sich noch als gefährliche Überdosis erweisen.

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